Das Mysterium der Blockadefrauen

Es liegt bereits einige Zeit zurück. Ich wollte mir erst selbst nicht glauben, aber mir scheint der Zeitpunkt gekommen, die Wahrheit an ihr wohlverdientes Licht zu zerren. Der deutsche Einzelhandel setzt in seinen Einkaufszentren eine ebenso einfache wie scharfe Waffe ein: Die Hindernisfrau!

Es handelt sich dabei um Angestellte, die genauso hoch wie breit wie lang (oder technisch korrekter: tief) sind. Sie wirken in ihrer oberflächenoptimierten, kugeligen Form unauffällig geschlechtslos. Gerade diese Kompaktheit ist es, die sie so effektiv macht.

Zumeist sind sie in weinrotem Steppmantel mit dunklem Falschpelzkragenaufsatz gewandet. Dieser bietet einerseits auch im tiefsten Konsumgetümmel hervorragenden Aufprallschutz und macht zugleich nahezu unsichtbar. Optionale Zusatzausrüstung sind: Getarnte Überbreite mit zusätzlicher Antibumperfunktion in Form dreier fächerförmig nach aussen abstehenden, gefüllten Einkaufstüten zu jeder Seite. Sowie ein farblich abgestimmter, schmalkrempiger Strickhut zur rückwärtigen Pöbeleidämpfung. So ausgestattet wandeln die Damen in Zeitlupe durch die Hauptgänge großer Kaufhäuser und zunehmend auch in großstadtperipher gelegenen Einkaufszentren. Haupteinsatztermine waren bisher die Sommer- und Winterschlussverkäufe, sowie die langen Samstage. Vermutlich wird zur Zeit mit einer rechnergestützten optimierten Einsatzsteuerung experimentiert.

Das Ziel ist klar. Entschleunigung der Konsumentenströme.

Üblicherweise hat der willige Kunde ein bis zwei Ziele, die zur näheren Eigendefinition assimiliert werden sollen. Beispielsweise eine CD im 5. Stock und ein Oberhemd in mittlerer Qualität im Erdgeschoss. Die Strecke will zurückgelegt werden. Fahrstuhl? Geht nicht. Kinderwagenstau! Ob nun zufällig oder gesteuert sei mal dahingestellt. Also schnell (haha!) die Rolltreppe benutzt. Und genau hier findet die Hindernisfrau ihr Betätigungsfeld. An einem rolltreppennahen Grabbeltisch postiert generiert sie innerhalb Sekundenbruchteilen einen Konsumstau. Und nun? Was macht der gehetzte Glückshormonjunkie mit seiner tertiären Bedarfsdeckung? Er schaut sich um. Zu Anfang noch auf der Suche nach einer anderen Rolltreppe oder möglicher Umgehungen durch die Warenauslagen, irrt der Blick alsbald ziellos über das angereicherte Angebot. Folge: Erweiterung des Beuteschemas, Zielneukalibrierung. Ein BH für die Freundin? Größenproblematik, da kann man nur daneben liegen. Das günstige Dreiertopfset mit original Bakelitgriffen für nur 19,99. Schon eher, aber zu sperrig. Eine Hunderterfilszstiftepackung? Die fand ich schon als kleiner Knirps nur eingepackt und wegen der ausdünstenden Lösemittel toll. Doch die Chance auf mehr Umsatz steigt und steigt.

Die Methode ist so subtil, dass ich lange dachte, ich sei ein verkannter Verschwörungstheoretiker. Doch es gibt Beweise! Klar wurde mir die Tatsache, als mal eine Hindernisfrau versuchte entgegen Ihrer Bestimmung in Vollaustattung das Kaufhaus zu verlassen. Ha, es hat fast eine halbe Stunde gedauert, sie wieder aus der Tür zu befreien. Ich hab derweil einige wirklich günstige Werkzeuge, eine Dreierpackung Unterhosen und einen ganzen Schwung Ordner im Angebot gefunden.

Doch irgendwann muss der Pfropf gelöst werden. Auch dies eine Frage guter Planung. Die Hindernisfrau schaltet idealerweise nach etwa sieben bis acht Minuten von Stau auf langsame Fortbewegung. Der gestresste Kunde bricht den Konsumvorgang nicht ab, gewinnt Hoffnung auf schnelles Vorankommen und kann in aller Ruhe das Sortiment kennenlernen. Inliner statt für bisher 129 Euro jetzt für nur 49. Tischdecken mit lackierten Metallgewichten in Ananasform oder drei kombinierbare, mikrowellengeeignete Auflaufformen im Set für nur 14,99.

Blinker setzen, Schulterblick, kurzer Sprint und endlich auf der Rolltreppe.

Puh! Angekommen wird man nach dem Zufallsprinzip wieder von Hindernisfrauen abgeholt und geschickt von einer zur anderen weitergereicht. Erst die oberen Etagen geben endlich Sicherheit. Im Bereich Auto, Computer & Hifi. Dort, wo Männer sowieso stundenlang Packungsrückseiten durchlesen machen die wankenden Damen keinen Sinn. Hier wird auf andere Strategien umgeschaltet, wie den "dummen Fachmann" oder den "erstarrten Rentner". Aber das ist Stoff für ein anderes Mal.

 

 

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